Slogan: Einfach, flexibel, sinnvoll

Mein Weg nach Wiedlisbach

 

Zehn aufregende Monate im Leben eines Hobby Radsportlers.

 

Dies ist die Erzählung von Matthias Reitenspieß über die letzten Monate seiner aktiven Radsport (Hobby) Karriere.

Viel Spaß beim Lesen.

 

Dies war kein einfaches Jahr. Neben den vielen Kilometern und Höhenmetern gab es auch viele Hürden zu überwinden und teilweise ganze Felsbrocken zur Seite zu räumen.

 

Den Anfang meiner für mich vorläufig letzten (Extrem-) Ausdauer Aktion beging ich offiziell am 1. September 2009. Ich hatte mir vorher noch einmal bewiesen, dass ich auf einer Strecke von 180 Km schnell fahren kann und anschließend mich mit meiner Familie in den wohlverdienten Urlaub nach Italien verabschiedet. Kein Sport, kein Fahrrad und es hat trotzdem sehr viel Spaß gemacht. Jetzt wusste ich, ich bin bereit für meine letzte Saison.

Der Tacho wurde auf Null gestellt. Und der Fokus voll auf das Ultra Cycling Weltcup Rennen in der Schweiz am 2. Juli 2010 eingestellt.

Volle Motivation noch einmal am Ende einer Saison. Dies war aber nötig, da das „Lebenshilfe 2009 Projekt“ unmittelbar vor der Türe stand. Am 9. / 10. Oktober stand das von Elke Liebel organisierte 24 Stunden fahren auf dem Programm.

Zur Motivation habe ich mir ein paar wirklich interessante und schöne Aktionen einfallen lassen. Aus der Situation heraus ging es Anfang September erstmal an einem  Samstagnachmittag mit dem Rad Richtung Fulda wo mein Vater Alfred am Sonntagmorgen einen Halbmarathon absolvierte. Dies hatte einen tollen Überraschungseffekt, da dieser von meinem Vorhaben nichts wusste. Möglichst viele Kilometer noch am Samstag um dann am Sonntag nach einer kurzen Essens- und Schlafpause rechtzeitig auf der Strecke zu sein war das Ziel für diese Aktion. Nachdem ich an diesem Tag schon um kurz vor 6 das Arbeiten angefangen hatte wurde es so gegen 21 Uhr bei Nieselregen langsam Zeit ein Quartier zu finden welches mich noch aufnehmen würde und außerdem auch noch genügend zu Essen für mich übrig hatte. Es klappte alles wunderbar. In Gerolzhofen habe ich ein Dach über dem Kopf gefunden und das Essen war auch sehr lecker. Mein Fahrrad durfte in der Gaststube nächtigen und die Wirtin zeigte mir den Weg über den Hintereingang nach draußen freiwillig nachdem ich ihr erklärte, dass ich am nächsten Morgen spätestens um 6 Uhr wieder weg sein müsste. Frühstück hatte sie mit einem ungläubigen Kopfschütteln verneint aber das hatte ich auch nicht anders erwartet. Das Frühstück gab es für mich dann am Sonntag nach 1 ½ Stunden Fahrt kurz hinter Schweinfurt in einer Tankstelle. Gebäck und Kaffee musste reichen um über die Rhön zu kommen. Viel Zeit war nicht, die Beine schwer und die Strecke wirklich nicht einfach. Start beim Halbmarathon war um 10. Das musste ich nicht schaffen aber so um 11:15 Uhr sollte ich schon an der Strecke sein. Man weiß ja nie wie schnell der „Alte Herr“ unterwegs sein würde. Den Blick an der Strecke über die Überraschung möchte ich schon voll auskosten. Mein Timing war super. Dank meines Kobolds, den ich als Stimme auf dem Ohr hatte. Die Stimme kam natürlich aus dem Navigationsgerät hinten in meiner Trikottasche. Fand ich das Ziel sehr schnell in Fulda. Von hier aus musste ich nur noch der Halbmarathonstrecke entgegen fahren. Bei Laufkilometer 18 um 11:30 Uhr kam mir mein Vater entgegen. Dieser schaute noch wesentlich besser aus als ich. Denn ein kleiner Hungerast kurz vor Fulda lies meinen Fitnesszustand  ziemlich in den Keller fallen. Wäre da nicht eine Bäckerei gewesen hätte ich Fulda vermutlich überhaupt nicht erreicht. Der Blick meines Vaters war ungläubig und er adelte mich auf ein Neues mit den Worten du „Spinnst“.

Denn für mich gab es in den ganzen Jahren des Leistungssports zwei Aussagen meiner „normalen“ Freunde. Das eine Du „Spinnst“ und die zweite Aussage Du schaust schlecht aus, Du musst mehr essen. Um das mal aus meiner Auffassung zu übersetzen, ich leiste Trainingsumfänge welche mit dem „normalen“ Verstand nicht mehr zu verstehen sind für mich und meine Ziele aber unabdingbar waren und das Zweite, dass ich mit meinem Gewicht auf einem richtigen Weg bin womit ich mich nicht mehr hundertprozentig wohl fühle aber einfach die optimale Leistung auf meinem Fahrrad bringen kann.

Dies war eine geniale Tour welche doch zu den etwas exotischeren Aktionen meiner Laufbahn zählte. Einen schönen und würdigen Abschluss fand die Aktion in einer Brauereigaststätte wo ich mich mit Hefeweizen  und Schweinebraten belohnte und anschließend die Heimfahrt mit dem Zug antrat.

Eine Woche später stand ein nicht so schönes Erlebnis auf dem Programm. Das Rennen „Rund um die Nürnberger Altstadt“ . Für mich war es nach knapp zwei Runden zu Ende, in der Kurve Nordring/Regensburger Straße legte ich mich, so schnell konnte ich gar nicht schauen, auf ein junges attraktives Mädchen vom Team Nutrixxion. Wir konnten beide nichts dafür aber so ist das halt mal beim Radrennen wenn man sowieso schon nicht mehr der Draufgänger ist und dann trotzdem zur Seite abgedrängt wird. Na ja, es war halb so schlimm, keiner Verletzt und aus Fehlern lernt man ja bekanntlich, dann fahr ich so was halt nicht mehr! Nur dumm, dass ich schon für den 3. Oktober ein Date beim Charity-Bike-Cup ausgemacht hatte. Aber ich tröstete mich damit, dass dort  nicht so viele Starter sind und die Strecke durch eine längere Steigung dann doch etwas selektiver ist.

Vorher war da aber noch die letzte Mittelfranken-Cup RTF zu erledigen. Start von zu Hause um 6 Uhr. In Erlangen angekommen habe ich mich zusammen mit meinen Mitstreitern vom Team www.CharityCycling.de und einer starken Abordnung vom befreundeten Verein TSV Altenberg um Horst Hübl auf die Große 160 Kilometer Schleife gemacht. Eine starke Aktion, mit Nachtfahrt Charakter, hohem Tempo und Pausen für eine lange Bruttofahrzeit, genau das Richtige für eine Vorbereitung auf ein 24 Stunden Radfahren.

Nun aber dann doch zum 3. Oktober. Charity-Bike-Cup im Team von Jan Ulrich. Mein großes Idol und ich an seiner Seite. Keinen Bock auf ein Radrennen aber was will man machen, der innere Zwang ist immer noch stärker. Das Rennen wäre dann auch ganz gut gelaufen, Jan Ulrich, der die Veranstaltung immer extrem locker anging hatte ich hinter mir gelassen. Wer hätte dies 1997 vorm Fernseher noch gedacht. Aber als die Spitzengruppe um Danilo Hondo am letzten Anstieg das Sprinten anfing war ich wohl nicht so ganz bei der Sache und wollte evtl. wegen meiner ausgeprägten Ausdauer noch eine Runde fahren. Ich ging für mich eine ganz normale Tempoverschärfung mit und wunderte mich, dass ich 300 Meter nach der Zieldurchfahrt alleine an der Spitze war, drehte mich um und sah wie alle Anderen kehrt machten. Sch…, das Rennen war vorbei und ich hab es zu spät bemerkt. Am Ende dann doch ein versöhnlicher 10. Platz. Der 2. in meiner Altersklasse. Aber dies war ein Leitspruch von mir, „wenn ich mal auf Altersklassen gehen muss, dann hör ich auf, denn ein Rennen wird ganz vorne entschieden und nicht beim Massensturz um Platz 80 weil da ja noch ein gleichaltriger drin sein könnte.

Jetzt kam der Showdown 2009. Gigantisch was wir da aufgezogen hatten. Mitarbeiter der Lebenshilfe Nürnberger Land e. V. unter Leitung von Elke Liebel und Mithilfe meiner Wenigkeit. Über 50 Radfahrer am Hersbrucker Marktplatz zum Start des 24 Stunden Radfahrens zu Gunsten der Lebenshilfe Nürnberger Land e. V. So viele Helfer und ein höchstmotiviertes Begleitfahrzeug mit unserem Gerd am Steuer. Er und 4 Leute neben mir hatten wirklich harte 24 Stunden vor uns.  Anfangs war das Wetter noch ganz schön, strahlender Sonnenschein und kaum Wolken am Himmel. Nach einigen Begrüßungsansprachen vom Hersbrucker Bürgermeister, vom Lebenshilfe Vorstand Herrn John  und dem Manager der Equipe Nürnberger, die uns mit einigen Amazonen aller höchster Klasse des Frauen Radsports auf den ersten beiden Runden begleiteten ging es dann los. Die von mir geplante Runde über flache „einfache“ 40 Km führte uns durch alle Orte an denen Einrichtungen der Lebenshilfe stationiert waren. Vor allem die Kindergärten der Lebenshilfe sollten später von uns direkt angefahren werden. Angetrieben durch die Equipe wurden die ersten beiden Runden deutlich über einem 30er Schnitt zurückgelegt. Dadurch wurde das Feld mit über 50 Leuten wie eine Ziehharmonika immer wieder in die Länge gezogen und zusammen gebremst, ein Glück, dass nichts passiert ist auf den ersten Kilometern. Ich selbst merkte schnell, dass meine angehende Erkältung mich nicht gerade in meiner Leistung beflügeln würde.

Aber die Sache kam weiterhin gut ins Rollen, dies lag auch daran, dass wir immer treue Begleiter an unserer Seite hatten. Aus einer 3 Mann Aktion wurde nach kurzem nachfragen eine 5 Mann Aktion. Peter Schindler vom RadlExpress Feucht, mit dem ich persönlich schon viele Jahre wertvolle Trainingskilometer abspulte, und sein Arbeitskollege Dieter Knichalla hatten ihre ganz persönliche Aktion geplant und wollten diese zusammen mit uns durchziehen. Gerne nahmen wir diese Hilfe an. Des Weiteren waren immer wieder Leute von CharityCycling, dem RadlExpress und auch uns bis dato noch fremde Personen an unserer Seite. Man konnte sich nett unterhalten und dadurch vergingen die Kilometer teilweise wie im Flug. Immer wieder musste ich die Gruppe unbewusst bremsen um mit meiner immer schlechter werdenden Fitness zu Recht zu kommen.  Das ich am Ende Angst hatte um meinen 2007 aufgestellten persönlichen Rekord von 524 Kilometern war nur ein Gerücht über das aber auch jeder herzlich Lachen konnte.

Durch die Nacht kamen alle ganz gut, diese Zeit im Dunkeln ist bei solch einer Tour immer der Knackpunkt und musste deshalb besonders bedacht gefahren werden. 5 Mann unter einen Hut zu bringen, wo jeder einmal seine ganz persönliche Schwächephase zu überwinden hat ist nicht einfach, uns aber sehr gut gelungen.

Das Wetter hat uns dann aber um 4:30 endgültig zusammengeschweißt. Wenn man im Lupine Licht seine Mitstreiter von hinten angesehen hat, war man immer noch der Meinung, dass man selbst noch am besten dasteht und konnte daher keine größeren Schwächen zugeben. Außerdem kamen immer wieder Begleiter von Lebenshilfe Mitarbeitern und auch weiteren Einzelfahrern, allen voran Hans-Günther Scharrer aus Henfenfeld der als Handicap Fahrer unsere kleinen Schwächen schnell vergessen lies und mit seinem sympathischen Auftreten die Gruppe bei guter Laune hielt.

Nachdem aber die Sonne aufging, oder sollte besser sagen die Sonne aufgehen hätte sollen, wurde es richtig ungemütlich für uns alle. Es regnete immer wieder aus Eimern und machte nicht mehr sehr viel Spaß. Ausgerechnet jetzt wo der offizielle Teil bei den Lebensilfe Kindergärten unmittelbar bevor stand waren wir nicht mehr so ganz Salonfähig.  Aus allen Löchern flieste das Wasser in Strömen, so konnte man sich doch nicht in der Öffentlichkeit zeigen!?

Was blieb uns anderes übrig? Die erste Station war der Kindergarten in Röthenbach an der Pegnitz, dort war ein Geschicklichkeits- Parcours aufgebaut, für den ich mich nicht zu Schade war obwohl mir bewusst war, dass ich mich nach so viel Kilometern in den Beinen und vor allem im Kopf nur blamieren konnte. Es ging alles gut und wir konnten nach einem kurzen Plausch mit den Erzieherinnen unsere Fahrt auf der Runde zum Kindergarten in Rollhofen fortsetzen, wo unsere Organisatorin Elke mit Ihren Kindern sehnsüchtig auf uns wartete. Wir wurden dort herzlich Empfangen und mit Hefeweizen und Wienerle und Brezeln versorgt. Denn beim Blick aus dem Fenster hatte von den unbeteiligten keiner mehr damit gerechnet, dass wir je wieder aufs Rad steigen würden. Es regnete was es konnte, hoffentlich fällt das Lebenshilfe Jubiläum nicht vollends ins Wasser. Ich selbst vergnügte mich wieder auf einem Indoor Spenden Parcours der eigentlich für die Eltern der Kiga Kinder gemacht wurde. Eine Runde auf einem Lauflernrad war mit meinen müden Beinen auch eine „sehr nette“ Erfahrung.

Nun mussten wir aber trotz alledem wieder auf unsere Drahtesel um die letzten Stunden irgendwie abzuspulen und die 500er Marke wollten wir dann doch noch knacken. Im Ziel warteten dann viele Menschen auf unser kommen. Wir kamen nicht überraschend, denn im Zeitalter des Handys haben wir uns angekündigt. Mein Sohn Jan wartete ca. einen Kilometer vom Ziel auf uns und strampelte mit seinem Kinderrad als erster ins Ziel. Freudig erwarteten uns Lebenshilfe Mitarbeiter und Schüler sowie die Leitung und Polit Prominenz auf uns.

Wir wurden mit Erinnerungsgeschenken, angefertigt von meinem Mitstreiter Gerhard Liebel, ausgestattet. Nach einigen Reden, wo ich als Chef von „CharityRecycling „ getitelt wurde hatten alle Respekt und vor allem aber auch ein bisschen Mitleid mit uns. Die Entsorgung bekamen wir in der Lebenshilfe Küche mit gutem Braten und leckeren Getränken bis hin zum Glas Rotwein zum endgültigen Abschluss. Es war wirklich schön aber für mich persönlich hatte die Erkältung mit etwas Fieber die Oberhand gewonnen. Und damit war dann für ein paar Wochen Schluss mit dem Leistungssport und etwas mehr Ruhe angesagt.

 

Diese Ruhephase war eine gute Gelegenheit die kommende Saison bis 2. Juli in der Schweiz zu planen. Mit einigen Sponsoren hatte ich Termine die durchwegs positiv verlaufen sind. Die Fischer GmbH und auch Krapp Sports Funwalker waren ebenso sofort im Boot wie meine Jungs vom Werk:b aus der Geburtsstunde von CharityCycling und der Verlag Der Bote und auch ein Begleitfahrzeug war über Opel Fleischmann schnell gefunden worden. Gute Voraussetzungen für die geplanten Events wie 12 Stunden Neumarkt, 12 Stunden Roth, 6er Mannschaftszeitfahren in Hilpoltstein und ein Trainingslager auf der Wettkampfstrecke in der Schweiz wo am 2. Juli meine für mich persönliche Krönung passieren sollte.

 

Aber dann mal der Reihe nach.

 

In den Wintermonaten stand wie immer für mich das Spinning Training im Vordergrund. Gestreng nach dem Motto meine Stunden sind für mich die Besten habe ich die einzelnen Einheiten in sinnvolle Abschnitte unterteilt. Grundlagentraining gespickt mit Kraftausdauer Aufbau war das Ziel bis zur Freiluftsaison.

Apropos Freiluft, die war in diesem Frühjahr extrem feucht und so war es in den ersten Monaten des Jahres zu einem Sonnenstunden Rekord im Raum Nürnberg gekommen. So wenig schien der Helle Planet noch nie zu uns runter wie jetzt wo ich ganz wichtige Kilometer fahren musste. Am 27. März war ein recht annehmbarer Tag, außerdem war dies sowieso egal, da ich für eine Randonneure Veranstaltung des ARA Nordbayern in Osterdorf bei Weißenburg angemeldet war. Dies sind Radsport Events für die ganz besonderen Ihrer Art wie ich feststellen durfte. Es standen die 200 Km auf dem Programm, die kleine Runde für die Randonneure (Radwanderer). Die Veranstaltungen steigerten sich monatlich um mindestens 100 Km bis hin zu einer 1200 Km Runde. Hier war ich richtig in diesem Jahr, dachte ich! Schön gemütlich zum Saisonauftakt, aber man kann sich ja auch mal täuschen. Als RTF geprobter Radler musste ich schon beim Ausladen meines Rades feststellen, dass ein Navi am Rad kein Luxus mehr sein konnte, denn hier hatte fast jeder eins, außer meiner Wenigkeit.  Nach dem Startschuss wurde mir auch schnell klar, dass dies mit der  Gemütlichkeit auch ein Trugschluss war. Es ging darum wer als erster im Ziel sein sollte, Ende März auf  200 Km ohne Streckmarkierung nur mit einem Zettel bewaffnet wo man wann evtl. abbiegen könnte. Als ich nach ca. 20 Km meine Regenjacke auszog, war die erste Gruppe weg und ich fuhr mit der nächsten Gruppe weiter. Bei den Unterhaltungen mit den anderen Teilnehmern kam ich mir teilweise vor wie im falschen Film. Die Jungs hier sind echt durchgeknallt im positiven Sinne. Radsport in seiner reinsten Form nur ein bisschen übertrieben für den normalen Menschenverstand. Jetzt kam noch der nächste Hammer für mich, da es keine RTF war gab es auch keine Verpflegungsstationen sondern nur Kontrollstellen in Tankstellen oder Supermärkten und mein Geld war im Auto, na super. Als das Thermometer so Richtung null Grad ging und ich nur mit Wasser unterwegs war ging mir langsam die Puste aus keine Kraft mehr, das war der erste Härtetest für die noch sehr junge Saison. Nach knapp 8 Stunden war das Ziel erreicht, ein erfahrener Randonneure hat mich die letzten 50 Kilometer mit durchgezogen. Und es waren auch erst knappe 10 Leute im Ziel. So konnte ich mich beim anschließenden stärken bei Gulaschsuppe, Brötchen und heißem Tee sehen lassen. Eine klasse Erfahrung für mich die ich nicht missen möchte. Ich merkte aber auch schnell, dass Extrem Touren im Frühjahr nicht bei jedem gut ankommen und ich somit viele, viele Kilometer alleine zurücklegen musste. Der Gipfel des Ganzen war dann der 11. April, wo ich mit meiner Maschine alleine nach  Bad Windsheim aufgebrochen bin. 5° C. und Sprühregen, nach 90 Kilometer noch 2° und Hagel, dazwischen Sonnenschein und zum Schluss der 210 Kilometer noch Schnee in seiner schönsten Form. Ich war fertig aber Stolz auch hier nicht vom rechten Weg abgekommen zu sein und das Ziel immer fest im Auge zu behalten.

Das Wetter wurde in der nächsten Zeit nur unbedeutend besser und es war wirklich das schrecklichste Frühjahr an welches ich mich bisher erinnern konnte. Aber pünktlich zum 24. April bei 12 Stunde Neumarkt war alles wieder in Butter. Sonnenschein pur. Und auch im Vorfeld gestaltete mir der Fernsehsender Neumarkt TV spannende Momente Fernsehauftritte und Interviews waren eine neue und aufregende Erfahrung für mich. Das Alles hat mich sehr motiviert und so wurde die wirklich schwere Strecke um Neumarkt mit dem Marie Hilf Berg etwas leichter für mich. Ich hatte wieder einige Begleiter an meiner Seite, die mich Stundenweise begleiteten und mich somit auf knappe 300 Kilometer zurück in Altdorf brachten. Das war ein gelungener Einstand und ein super Erfolg zu Gunsten der ANNA Stiftung Neumarkt.

Dass mein Training auf einem guten Niveau zu sein schien merkte ich am darauffolgenden Tag. Nicht jammern sondern gute 150 Kilometer radfahrend standen auf dem Programm. Die Neumarkt RTF stand genauso in meinem Trainingskalender wie der komplette Mittelfranken Cup.

 

Beim Radmarathon der RSG Lauf hatte ich eine Sternstunde. Morgens um 6 stieg ich aufs Rad um einen für mich besonderen Tag zu erleben. Start war um 7 Uhr aber ich musste ja erst mal die 20 Km nach Lauf fahren. Bei strömenden Regen war nicht die volle Konkurrenz am Start, aber die die da waren reichten um ein heißes Rennen zu entfachen. Die bergige Strecke war nicht mein Terrain aber heute wollte ich es wissen, was das Training wert war. Es lief super, bald waren nur noch 4 Fahrer um mich herum. So weit vorne war ich noch nie jetzt musste ich das Tempo nur noch durchhalten. Bei einem langen Anstieg nach ca. 60 Km war mir das Tempo aber doch zu hoch und ich musste etwas rausnehmen. Schnell fand ich aber auf Rang vier liegend meinen Rhythmus wieder und fuhr starke 150 Km im Alleingang. Kurz vorm Ziel schnappte ich mir auch noch die beiden vor mir fahrenden Sportler und fuhr als Zweitplatzierter ins Ziel. Es war hart aber fürs Selbstvertrauen ganz ganz wichtig. Es war nur ein Radmarathon und kein offizielles Ergebnis aber dies war meinem Kopf wurst. Ich hatte endlich auf einer langen, bergigen Strecke eine super Leistung gebracht und dies zählte für mich.

 

Ein besonderes Ereignis folgte, das 6er Zeitfahren auf der Challenge Strecke mit Start und Ziel in Hilpoltstein. Meine Mannschaft war vermutlich die einzige, die mit dem Rad schon 40 Km anreiste. Aber wir waren jung und brauchten die Kilometer. Ich selbst fühlte mich langsam in der Form meines Lebens. So gut ging das Radeln noch nie. Die 87 Kilometer Strecke viel mir extrem leicht und so hatte ich bei einem guten 40er Schnitt sogar noch die Kraft meine Kollegen zu unterstützen und meinen Freund ON/OFF in Grund und Boden zu fahren. Entschuldigung, dass musste ich jetzt so schreiben. Das ist mir nämlich vorher nur einmal gelungen und seitdem auch nie wieder. Platz 7 in 2:06 war eine klasse Leistung für unsere diesbezüglich unerfahrene Truppe.

Ein weiteres Highlite war für mich das geplante 3 Tage Training in der Schweiz. Mit Manfred und Frank machte ich mich an einem schönen Dienstagmorgen auf die Socken um mit dem Firmenbus von Büttner Bautrocknung nach Wiedlisbach zu fahren. Aber kaum waren wir mal auf ein motorisiertes Fortbewegungsmittel angewiesen ging die Reise ganz schön in die Hose. Ich hatte gerade das Steuer übernommen, als auf der Höhe von Sinsheim der Bus immer langsamer wurde und  die 3 Rennräder im Heck schon das überholen anfangen wollten. Ein Abschleppwagen und eine gute Werkstatt waren die einzige Möglichkeit für uns, dass das für mich wichtige Training auf der Wettkampfstrecke vom Juli nicht ausfallen würde. Nach 5 Stunden, das Hickhack dazwischen spare ich mir an dieser Stelle, saßen wir 3 mit unseren Rädern und dem nötigen Gepäck in einem Auto von Europcar und waren wieder auf dem Weg in die Schweiz. Ein kleiner Abstecher zu Burger King (etz is eh scho wurscht) und dann ins Quartier. Die Villa Kunterbund im Herzen von Wiedlisbach. Herrlich ich wollte nur noch schlafen. Aber da hatte ich die Rechnung ohne meine Begleiter gemacht. Als ich die Worte „ Eine Runde fahren wir jetzt aber schon noch“ hörte traute ich meinen Sinnen nicht mehr. Nach so einer Tortur noch schnell 110 Kilometer bergig, na gut ich bin dabei und schön war’s auch noch. Die Pizza für umgerechnet 21 Euro hatten wir uns dann auch redlich verdient. Am zweiten Tag standen 220 Kilometer und am dritten, dem Abreisetag standen noch verregnete 100 Kilometer auf dem Programm. Und das alles mit Nachdruck, schließlich mussten wir ja rechtzeitig wieder in Sinsheim sein um das eine Auto abzugeben und das reparierte wieder abzuholen. Ein Stress aber was tut man nicht alles wenn man von einem außergewöhnlichen Ziel besessen ist.
Es war Freitag, dieselbe Woche, die Begleiter ausgewechselt und dann schnell 3 Tage mit dem Rad Richtung Frankenwald. Noch einmal 400 Kilometer mit nächtlichen Hürden. Ab und zu ein kleiner Umtrunk mit Freunden muss dann doch gestattet sein. Dass man am kommenden Tag 200 schwere Kilometer fahren muss, Entschuldigung darf, kann man bei einem Sieben Hügel Brand schon mal vergessen. Als ich im Eiskaffee am Samstag so gegen 15 Uhr erfahren habe, dass wir noch ca. 80 Kilometer vor uns haben ist mir schier der Löffel aus der Hand gefallen. Aber da musste ich durch, was uns nicht umbringt, macht uns nur noch härter. Am Ende ging dann sogar noch eine extra Runde um auf dem Tacho die 200 sichtbar zu machen. Nach einem gemütlicheren Abend folgte ein dem Jahreswetter entsprechender Morgen. Es regnete aus Kübeln und so beschlossen wir von Neustadt die Heimreise ohne RTF Teilnahme anzutreten.

Es folgte eine Ruhewoche die keine werden sollte. Wenig Training, lockere Einheiten, Erholung für Körper und Geist aber dies alles nur bis zum Freitagabend, den 4.6.2010. Um ca. 16:30 Uhr stellten sich meine Weichen von Erfolg auf blankes Endsetzen. Bei Tempo 35 nahm mich ein jugendlicher Rollerfahrer am Ortseingang Pyrbaum voll von der Seite auf die Hörner. Ich stieg kurz auf um dann umso tiefer zu fallen. Zeitfahrmaschine Schrott, Rücken lädiert und im Kopf die völlige Leere. Auf einmal war alles anders. Kein geordnetes Training mehr kein Wettkampfrad mehr zur Verfügung und nur noch 4 Wochen bis zum World Cup in der Schweiz. Selbst eine Absage war jetzt das Thema bei mir zu Hause, denn die Sache sah anfangs so ausweglos aus das mir wirklich kein guter Weg aus dieser Klemme einfiel.

 

Aber Aufgeben, noch einmal das viele und harte Training im kommenden Jahr auf mich nehmen um meinen Traum zu erfüllen war auch keine Lösung für mich. Und die Familie wollte auch nicht noch ein weiteres Jahr den Papa und Ehegatten vollends dem Drahtesel zur Verfügung stellen. Das heißt kämpfen! Ein neues Rad muss her, Sponsoren mussten schnell davon überzeugt werden, dass es nur eine Lösung geben kann. Das Sponsorengeld muss gebündelt für das Rad ausgegeben werden um dann damit bei einer Verlosung am Challenge Messe Spenden Stand wieder in Spendengeld umgewandelt zu werden. Ofen Fischer GmbH und Krapp-sports Funwalker waren sofort dabei, dafür hier noch einmal recht herzlichen Dank, ohne Euch wäre hier Schluss gewesen. Jetzt war da aber noch der Rücken. Ich war wieder mehr beim Physiotherapeuten als auf dem Rad, welches doch aufgrund der Neuerung dringend eingefahren hätte werden müssen. Was war wichtiger? Ach ja da war ja jetzt  auch noch die Veranstaltung 12 Stunden von Roth. 300 Kilometer sind ja auch nicht gerade um die Ecke. Die Veranstaltung war auch deshalb besonders wichtig, da diese doch der Auftakt, und mein aktiver Teil, zur Spendenaktion zu Gunsten des Jugendbüros der Stadt Roth sein sollte. An diesem Tag sollte der Grundstock für das Dankeschön an das Team Challenge gelegt werden. Seit diesem Jahr bekamen wir nämlich Startplätze beim weltgrößten und auch mittlerweile bei den Athleten beliebtesten Langdistanz Triathlon kostenlos zur Verfügung gestellt und mussten damit keine Sponsorengelder aufbringen die am Ende von den Spendengeldern weggingen. Und auch der Mehrwert für CharityCycling in der Öffentlichkeit und Presse war hier nicht zu verachten, über 100 000 Zuschauer jedes Jahr sprechen eine deutliche Sprache und das kommt weiteren Spendenaktionen sicherlich auch zu Gute. Aus diesem Grund war es für uns eine Selbstverständlichkeit etwas direkt für Roth und für die Kinder in Roth zu machen um hier ein Filmprojekt in Zusammenarbeit mit Bayern 3 für sozial benachteiligte zu unterstützen.

Aber wie soll das gehen? Mittlerweile war der Leistungshöhepunkt in dieser Saison weit überschritten und nach den verletzungsbedingten Trainingsausfällen und den anhaltenden Problemen war es auch höchst fraglich ob ich an diesen Leistungsstand wieder anknüpfen werde können. Das Beste daraus machen und die Mentale Kraft aus der ganzen Misere ziehen. „Schau mer mal“, es wird schon klappen!

Das besagte Wochenende rückte näher. Ich versuchte jetzt meine Trainingspartner davon zu überzeugen, dass von Auto Fleischmann zur Verfügung gestellte Begleitfahrzeug, einer lenken müsste. Aber da stieß ich an die Grenzen der Zusammenarbeit. Jeder der Gruppe hatte seine eigenen Ziele und Vorstellungen von Freizeitgestaltung und da gehörte beim besten Willen nicht das Lenken eines Autos über einen halben Sonntag dazu. Im Nachhinein verstehe ich das ein bisschen aber zum Zeitpunkt der Aktion nicht. So fuhr ich am Sonntag, den 13. Juni genau 3 Wochen vor dem großen Showdown, völlig gefrustet um 6 Uhr alleine von zu Hause weg um zum ersten offiziellen Zwischenstopp bei Zweirad Müller in Roth und von dort aus dann 3 mal eine modifizierte  Challenge Runde in Angriff zu nehmen. Kein Begleitfahrzeug und auch nur zwei mir gebliebene Begleiter die sich für die zweite und dritte Runde angemeldet hatten. Nicht immer läuft alles so wie man es sich vorstellt aber in dieser Zeit ging in meinem Kopf schon alles den Bach runter und das ist ein ziemlicher Dickkopf um das an dieser Stelle mal anzumerken.

In der ersten Runde hatte ich jetzt das Glück, einen übermotivierten Triathleten zu treffen, der mich gütiger Weise in seinem Windschatten mitfahren lies. Auf der Challenge Strecke ist man halt nie alleine und dies motivierte mich doch wieder etwas mehr. Beim oben besagten Treffpunkt wieder angekommen wartete bereits Hans-Günther Scharrer auf mich um mit mir die nächsten gut 80 Kilometer in Angriff zu nehmen. Als Handicap Sportler hatte HG viele interessante Geschichten auf Lager um die Zeit kurzweilig zu gestalten. Eine Kaffeepause in Thalmässing mit lecker Kuchen lockerte die Sache noch weiter auf und so war ich bis zum frühen Nachmittag guter Dinge die Aktion halbwegs über die Bühne zu bringen. Günter Müller stand mir anschließend zur Seite. Nach dem Zusammentreffen mit Bürgermeister Erdmann und der Leiterin des Jugendbüros gab es ein Pressefoto. Günter und ich machten uns auf die Heimreise nach Altdorf. Dort angekommen zogen wir ein ernüchterndes Resümee. Auftrag erfüllt die Aktion war eingeleitet, alles ging seinen Weg und 313 Km in dann knapp 13 Stunden waren doch nicht so schlecht gewesen.

Am Dienstag darauf bekam ich mein neues Wettkampfrad. Ein Scott Plasma 10. Sports and More Neumarkt hatte wirklich alle Hebel in Bewegung gesetzt um das gute Stück mitten im Jahr in meiner Größe noch aufzutreiben. Nach dem professionellen Einstellen der Sitzposition bei Triathlon Guru Fritz Buchstaller und den super schnellen Laufrädern der Firma Mavic kam ich zu der Erkenntnis, dass ich mit diesem Paket in der Schweiz schon eine reelle Chance habe durchzukommen. Eine Woche lockeres Einfahren der Maschine stand auf dem Programm, denn jetzt wartete am kommenden Dienstag noch das legendäre Jedermannzeitfahren in Rednitzhembach auf mich. Der fränkische Zeitfahrklassiger, wo sich die Hobby Prominenz die Hände schüttelt und jeder auf den anderen schaut was er so drauf hat. Nun gut für mich war das in diesem Jahr nicht so wichtig, schon gar nicht nach den Ereignissen der letzten Wochen aber meinen Leistungsnachweis wollte ich schon abgeben. Mit einem 22:15 für 15 Km konnte ich ganz gut leben. Für das Paarzeitfahren konnte ich kurzfristig Markus Beck gewinnen. Ein ständiger Weggefährte über die letzten Jahre im Radsport mit überschüssiger Leistung nach seinem 2. Platz im Einzel war dies genau der richtige Motivationsschub für mich zum Abschluss der Vorbereitung für Wiedlisbach. Platz 3 stand anschließend in der Ergebnisliste. Gut das dies schwarz auf weiß gedruckt stand denn ich habe diese 15 Km nicht so richtig mitbekommen. Das kommt davon wenn man sich mit Leistungsstärkeren zusammen tut, da wird´s schon mal dunkel unterm Wettkampf.

Klasse Sache für mich. Mit meinen Trainingskollegen hatte ich mich auch ausgesprochen und zumindest die Wogen ein bisschen glätten können. Letzte gemeinsame lockere Trainingseinheiten standen noch auf dem Programm.

Meine letzten Vorbereitungen waren getroffen. Der Tag der Abreise nach Wiedlisbach in der Schweiz rückte immer näher. Das Begleitfahrzeug ein schöner großer Opel Vivaro  von Auto Fleischmann zur Verfügung gestellt stand bereit. Diesmal hatte ich auch einen Fahrer. Mein treuer Begleiter Harald Bleisteiner stand wie immer zur Verfügung wenn`s richtig ernst wurde. Er hatte bisher keine Veranstaltung ausgelassen. Ihm blieb fast nichts anderes übrig, schließlich war er es ja, der in der Arbeit immer und immer wieder mit meinen Vorhaben zu getextet wurde. Und dadurch hatte er auch die Liebe zum Radsport entdeckt und wurde mit dem Virus infiziert. Mit an Bord war auch meine kleine Familie, die nach den vielen Entbehrungen auch auf das Ende der Veranstaltung hin fieberte. Ein kurzer Pressetermin mit dem Boten und meinen Sponsoren Fischer und Krapp und dann ging es los in die Schweiz zum World Cup of Ultra Cycling.  Allein der Schriftzug auf unserem Auto „CharityCycling World Cup Team“ war schon ein bisschen über den Dingen aber da mussten wir jetzt alle durch. Und wie sich dann letztendlich herausstellte wirklich ALLE!

Die Fahrt verlief problemlos, dies waren die leichtesten 500 Km für die kommenden Tage. Meine Gedanken waren bei meiner Oma, die heute beerdigt wurde. Ich selbst hatte mich schon gestern bei der Aussegnung von Ihr verabschiedet. Sie wird mich die nächsten Tagen, jetzt auch nach ihrem Tod immer mit den rührenden Worten „Bou blouch de doch net su“ begleiten. Für all diejenigen, die dem oberpfälzischen nicht mächtig sind hieß das so viel wie warum fährst Du das alles mit dem Rad, wenn Du doch auch das Auto nehmen kannst. So wurde ich bei jedem Besuch von Ihr empfangen. Und diese Worte von ihr, wo sie doch ihr Leben lang geschuftet hatte und dies bestimmt nicht immer den allergrößten Spaß gemacht hat. Meine Anstrengungen dagegen kamen rein aus der Motivation Spaß haben, dies dachte ich zumindest zu diesem Zeitpunkt noch.

In Wiedlisbach bei der Villa Kunterbunt der Familie Fischer angekommen packte wir unsere Sachen aus und ließen uns für die nächsten 4 Tage nieder. Wenige Zeit später kam auch Gerhard Liebel mit seiner Frau Elke an, er wollte auch die 734 Km am Freitag in Angriff nehmen. Am darauffolgenden Tag stand die Streckenbesichtigung auf dem Programm. Für meine Begleiter war dies sehr wichtig, schließlich sollten sie mich ja nicht auf der Strecke verlieren und ständig hinterherfahren mit dem Auto war auch nicht sinnvoll schließlich ist diese Begleitarbeit schon so eine ziemliche Tortur. Nach einer letzten Trainingseinheit am frühen Vormittag mit dem Rad, wurde es anschließend  ein schöner Ausflug mit dem Vivaro durch das Emmental mit Käserei Besichtigung und einer wunderschönen Schweizer Berglandschaft. Ob ich die auch ab Freitagmittag noch genießen kann?

Freitag. Der Start rückte näher. Sonnenschein, 35° C., Wetterbericht ganz nach meinem Geschmack, es sollte das ganze Wochenende so bleiben. Perfekt für jemanden, den es bei 20° noch friert. Das Carboloading war gemacht. Mit Unterstützung von Sponser Sport Food waren alle Register gezogen, um meinen Körper auf die Höllen Strapazen vorzubereiten. 

 Das Auto war mit Werkzeug und anderen Kleinigkeiten gepackt, die man so benötigen könnte in den nächsten Stunden. Zu viele sollten es ja nicht werden da ich mich fürs Race Across Amerika qualifizieren möchte. Und eine gute Platzierung wäre für die Statistik wäre schon auch ganz schön. Es war 10 Uhr und ich rollte langsam vom Quartier zum Start. Eine letzte Wettkampfbesprechung und dann ging es los, 11:28 Uhr, ein letztes Telefongespräch mit meinen Eltern zu Hause, die mir viel Glück wünschten. Mir war mulmig im Magen und dann der Startschuss. 734 Km Einzelzeitfahren, tausende von Höhenmetern, kein Windschatten. Die Hitze erdrückte einen fast, da half nur hohes Tempo um genügend Fahrtwind zur Kühlung zu  erhalten. Leider war ich durch Adrenalin im Körper, Nervosität und Übermotivation wie immer auf den ersten Kilometern zu schnell unterwegs aber ich konnte das nicht unterdrücken. Ich musste Puschen um mich wieder runter auf den Boden zu holen. Die erste Runde war deshalb sehr schnell und wir sprechen da von den ersten 100 Kilometern. Meine Begleiter waren auch bereits mit auf der Strecke und versorgten mich mit Getränken und Futter wobei ersteres bei diesen Temperaturen wichtiger war. Der Wettkampf lief gut, ich hatte meinen Rhythmus gefunden und meine Begleiter Christinne, Harald und Jan waren voll aufeinander eingestellt. Alles funktionierte besser als wir uns das vorgestellt hatten. In dem 40 Mann starken Teilnehmerfeld bewegte ich mich immer so um Rang 5. Wenn das so weiterlaufen würde, ist das Ziel in greifbarer Nähe aber der Weg war noch weit.

Ich konnte auch tatsächlich ein bisschen meine Umgebung genießen, ein wunderschöner Sonnenuntergang hinter den Schweizer Alpen, dies konnte von der ein oder anderen schmerzhaften Stelle schon ablenken. Im Endeffekt lief dieses Zeitfahren dann wie jedes andere auch, zugegeben ein bisschen gemütlicher wie wenn man nur mal 4 bis 5 Stunden Vollgas fährt. Auch der Punkt, dass man sich irgendwann wie der Hamster in seinem Rad vorkam und kein Ende in Sicht war, so ein bisschen über der Hälfte des Rennens war nicht weiter verwunderlich. Das Tempo passte, meine Begleiter hatten sich schon abgewechselt, mein Sohn Jan ging in sein Bett.  Die Nacht war anstrengend aber dies ist immer so. Der Biorhythmus ist halt so zwischen 2 und 4 Uhr Nachts nicht auf volle Leistung eingestellt und das lässt sich nur schwer ignorieren. Bis dahin hatte ich mich sehr gut durchgekämpft. Aber so gegen 5 Uhr und mittlerweile 470 Kilometern in den Beinen ging es mir nicht wirklich gut und ich musste im Auto neben meiner Frau ein kleines Päuschen einlegen. Ein an uns vorbei fahrender Österreicher beendete meine Pause aprubt. Ich witterte eine Chance meine Müdigkeit im Lichtschein meines Vordermannes übergehen zu können. Meine Lupine Lampe machte zwar die Nacht eh schon zum Tag aber wer sagt dies meinem Körper.  Mit einem Ansporn ein paar 100 Meter vor mir ging es evtl. besser. Nach einigen Kilometern war mir der Kontrahent aus dem bergigen Nachbarland aber schon wieder zu langsam und  ich fuhr meinen Stiefel wieder von vorne weiter. Nach Ende von Runde 5 wechselten sich meine Frau Christine und  der nun etwas ausgeruhte Navigator Harald wieder ab. Dieser bekam dann auch gleich die Instruktionen, dass ich mich schon einmal besser gefühlt hätte und er doch ein besonderes Augenmerk auf meinen Fahrstil legen sollte. Es wäre ja nicht das erste Mal, dass der Sekundenschlaf einen Angriff auf meinen Körper gewinnen würde. Die Runde 6! Ein schwarzes Kapitel meiner Radsport Karriere. Zu Beginn machte ich gleich noch einen 10 Minuten Schlaf  mit dem Ziel es wird schon wieder werden. Es war bereits wieder hell und der Warme Planet machte ganze Arbeit. Die Hitze kam wieder und ich wurde immer schläfriger. Dies durfte aber nicht sein, denn einen richtigen Schlaf durfte und konnte ich mir bei einem 700er nicht leisten. Aber, aber es kommt meistens anders als man sich das denkt. Bei Km 550 war Schicht im Schacht es ging nicht mehr. Ich hätte im Stehen schlafen können, zog aber die Laderampe unseres Vivaro vor. Eine halbe Stunde gab ich immer noch voll Motiviert mein Ziel zu schaffen vor. Mein Begleiter musste sich derweil draußen die Fragen gefallen lassen wo denn der Radfahrer sei. „Ah da schläft einer“ war da eine weiße Schweizer Feststellung. Nach der angeordneten halben Stunde setzte ich mich ins Heck des Fahrzeugs und cremte mich mit Sonnenschutz ein, dabei bin ich zur Seite umgefallen und mein Partner hatte schon die Sorge mich jetzt bewusstlos vorzufinden. Er stellte schnell fest, dass ich aber wieder in den süßesten Träumen versunken bin. Na toll, beim eincremen eingeschlafen. Jetzt hat mir der Harald eine weitere einstündige Schlafpause verordnet und dann war noch nicht sicher ob ich weiter fahren durfte. Das Ziel war futsch aber es ging halt wirklich nicht und die Vernunft und die damit verbundene Sicherheit gingen vor. Und ich war bereits so platt, dass ich das von Adrenalin getränkt selbst so gesehen hatte.

Eine Stunde später, wieder unter den lebenden, bekam ich grünes Licht von meinem Begleiter. Nach ein paar Kilometern, es ging natürlich mit einer bergauf Passage los spürte ich aber jeden Muskel, die Gesäßknochen und keinen Bums mehr in den Beinen. 180 Kilometer in diesem Zustand, wie soll das gehen. Jeder kleine Anstieg wurde zur Qual und die großen erst. Kleine Etappenziele waren jetzt gefragt. Erst mal Runde 6 überstehen. Nicht mehr auf die Uhr sehen. Nur noch treten bis das Ziel näher kam. Nach Ende der Runde 6 wurde das Ziel im Team komplett umgekrempelt. Irgendwie müssen wir das Elend ins Ziel bringen. Alle waren wieder an Bord, Jan, Christine und Harald. Alle drei waren mit guter Laune voll engagiert am Werk. Ich selbst stellte mich unter die Dusche, zog mir frische Klamotten an und machte mich dann wirklich sehr gemütlich auf die letzte Runde. Mein Kopf hat um geschalten auf unbedingt Finishen, Egal in welcher Zeit. Ich habe schließlich auch meinen Begleitern das letzte abverlangt und da war aussteigen wirklich keine gute Belohnung. Auch die 14000 Radkilometer die letzten knapp 10 Monate sollten jetzt nicht umsonst gewesen sein. Also weiter die letzten 100 Kilometer. In Anbetracht, dass ich schon 630 in den Beinen hatte war dies verschwindend wenig. Aber 100 Kilometer sind schon eine schöne Tagesradtour wenn man es darauf ankommen lies und so lange hatte ich nun wirklich nicht mehr Zeit. Mein Sohn Jan drängte mich ein Wenig, da er das Fußball Weltmeisterschaftsspiel zwischen Deutschland und Argentinien anschauen wollte. Aber nachdem er mir in die Augen gesehen hatte reichte ihm vorerst auch das Autoradio. Beim 1:0 machte ich eine Pause mit einem Baguette und einer Cola. Raus aus den Schuhen und ausruhen auf einer Holzbank. Weiter mit der Quälerei bis Kilometer 700 wo wir bei der letzten Kontrollstelle in eine Gaststätte einkehrten und uns Kaffee und Kuchen genehmigten. Die Stimmung war mittlerweile super entspannt. Von nun an ging es nur noch bergab mit Rückenwind. Deutschland führte auch schon 3:0 und alle waren gut drauf, nur etwas Müde aber das Ziel vor Augen. Die letzten gut 30 Kilometer vergingen wie im Flug. Mir gingen ganz viele Gedanken durch den Kopf und die ein oder andere Träne lief mir auch über die Wangen. Emotionen, die man nach so einem Event nicht mehr kontrollieren konnte. Ich konnte das Ganze wieder voll genießen. Die verpassten Ziele waren bereits Geschichte. Der Zieleinlauf war ein Traum, den ich bestimmt auch schon hunderte Male die letzten Wochen geträumt hatte. Die Goldmedaille bekam ich anschließend nicht vom Veranstalter sondern von meiner Familie und im Nachhinein war dies auch die höhere Auszeichnung für mich. Ach übrigens Deutschland hat auch noch das 4:0 geschafft, nur so am Rande bemerkt. Mein Platz 10 war nur noch Nebensache und sollte für mich erst ein paar Tage später an Bedeutung gewonnen als ich ein Plakat für meinen Spendenstand mit der Aufschrift Platz 10 bei World Cup of Ultra Cycling geschrieben habe. Und da dachte ich mir na ja klingt eigentlich gar nicht schlecht!

Alle zusammen genehmigten wir uns noch eine leckere Pizza und gingen zufrieden aber fix und fertig in unser Schlafgemach der Villa Kunterbunt. Unter meinem Kopfkissen lag nun ein Diplom des radmarathon.ch.

Die Heimreise am nächsten Tag verlief für mich ganz locker, ans Steuer lies mich eh keiner. Zu wenig ausgeruht waren mein Blick und die ganze Körperhaltung dazu.

Regeneration und Wunden lecken stand nun auf der Tagesplanung ganz oben. In zwei Wochen ist der Challenge Roth und da muss ich Fit sein für meinen Messe Spendenstand auf der dortigen Expo. Mein Scott Plasma 10 wurde zur Verlosung gerichtet und zusammen mit dem Emmentaler Trikot von Andreas Küttel als Passanten Magnet postiert. Die ganze Familie Reitenspieß war nun in Aktion, Mama, Papa, Jan und Christine. Der Stand musste für 5 Tage betreut werden und dies war ein hartes Brot. Wir hatten Flyer, die vom Werk:b und Der Bote erstellt, gedruckt und  vielen Dank an dieser Stelle auch finanziert wurden. Kleidung von Falke, CharityCycling Radflaschen gesponsert von Max Bauer Kunstmühle standen für den „Guten Zweck“ zum Verkauf gegen Spende.

Am 19 Juli gingen auch noch 3 Einzelstarter und eine Staffel für CharityCycling an den Start und beendeten damit die von mir bei den 12 Stunden von Roth begonnene Spendenaktion zu Gunsten des Jugendbüros Roth, die damit eine Filmprojekt mit Bayern 3 für sozial benachteiligte Kinder unterstützten. Allen voran Markus Becker, der CharityCycling seit 2008 unterstützt und auch mit viel Engagement vorangetrieben hat finishte seinen ersten Langdistanztriathlon. Gefolgt von Thomas Hänel und Michael Wengler der ebenfalls zum ersten Mal den legendären Zielbogen  durchliefen. Die Staffel mit Günter Müller, Heiko Ritter und Dirk Münsterer machten das Teamergebnis perfekt und somit konnten im Zielraum des Challenge Stadions beachtliche 2000 Euro an das Jugendbüro übergeben werden.

 

Das Fazit meiner kleinen Geschichte ist im Nachhinein, dass ich wirklich eine Pause nötig hatte, seit 3 Jahren immer mehr und mehr höher, schneller, weiter haben Spuren hinterlassen. Ich war psychisch und physisch am Ende und habe bei meiner letzten Traininngseinheit zu Gerhard in der Schweiz einen Tag vor dem großen Wettkampf gesagt, es ist Zeit mein Leben zu ändern und dies war wirklich nötig. Ich möchte nicht gleich von einem sportlichen Burn Out sprechen aber weit weg war ich sicherlich nicht mehr. Ich wollte ab sofort nicht mehr mit meiner Familie für den Radsport leben sondern mit dem Radsport für meine Familie da sein!